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Start der bundesweiten Initiative „DeMigranz – Demenz und Migration“

Am 6. März 2018 folgten Tatjana Jurk und Katja Lindner vom Dachverband sächsischer Migrantenorganisationen e.V. (DSM) der Einladung der Projektinitiator*innen von „DeMigranz – Bundesweite Initiative Demenz und Migration“ zur Auftaktveranstaltung in die Berliner Repräsentanz der Robert Bosch Stiftung. In der neuen Förderung von „DeMigranz“ findet das seit Jahren anhaltende Engagement der Robert-Bosch-Stiftung für Menschen mit dementiellen Erkrankungen eine zukunftsweisende Fortsetzung. Die Projektinitiative „DeMigranz“ (bundesweit verantwortlich ist die Demenz Support Stuttgart gGmbH in Kooperation mit dem Demenz-Servicezentrum für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte AWO Unterbezirk Gelsenkirchen/Bottrop) wird sich in zwei Phasen (2017-2019, 2019-2022) der Verbesserung der Informationslage zu Demenz und zu Versorgungs- und Entlastungsmöglichkeiten bei Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland widmen.
Ein grundlegender Schritt dafür soll die bessere Vernetzung bereits bestehender Initiativen in den Kommunen und Bundesländern sein. Damit, mit dem Austausch zur Förderung des gegenseitigen Wissenstransfers der Praxisakteur*innen, wurde bereits im Rahmen der Veranstaltung begonnen.

Am Vormittag stellten sich zunächst die zentralen Akteur*innen der in der ersten Projektphase beteiligten drei Bundesländer – Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Sachsen – vor, zeigten ihre Erfahrungen mit dem Thema Demenz und Migration auf, stellten erste wegweisende Initiativen vor Ort vor und machten weitere Bedarfe und Ziele im Rahmen der bundesweiten Initiative DeMigranz deutlich. Zentrale Erkenntnisse dieser Vorstellungsrunde waren, dass bei Projekten für Menschen mit Migrationshintergrund von Anfang an partizipativ gearbeitet werden muss. So zeigte sich insbesondere der Vorteil des sächsischen Projektträgers, bei dem bisherige Initiativen in Sachsen immer von und mit Menschen mit Migrationshintergrund selbst ausgingen. Auch in Sachsen entwickelt sich ein zunehmender Bedarf an pflegerischer Versorgung und Demenzbetreuung bei Menschen mit Migrationshintergrund, zunächst bei den sog. Spätaussiedler*innen, aber zunehmend auch bei Vietnames*innen, so die Vorsitzende des DSM Tatjana Jurk. In vier Workshops am Nachmittag wurden zwischen Akteuren aus einer Vielzahl von Bundesländern weitergehend Erfahrungen und Zukunftsvisionen im Hinblick auf das Thema der Veranstaltung ausgetauscht.

Zu den Erfolgen vor Ort in Sachsen zählen bisher durchgeführte und laufende Projekte zur niedrigschwelligen Betreuung von pflegebedürftigen Menschen nach § 45b SGB XI. Zum DSM (als Nachfolger des Landesverbandes Integrationsnetzwerk Sachsen e.V.) gehören mittlerweile vier vorwiegend deutsch- und russischsprachige Vereine, die durch den KSV Sachsen als Träger für die niedrigschwellige Betreuung anerkannt sind. Im Rahmen der Entwicklung verschiedener Projektinitiativen wurden auf Basis der Akteur*innen des DSM seit 2015 auch sachsenweit insgesamt fünf Lokale Allianzen für Menschen mit Demenz (im Rahmen des Bundesmodellprogramms „Lokale Allianzen für Menschen mit Demenz“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) erfolgreich eingeworben und durchgeführt (in Freital, Chemnitz, Weißwasser und Bautzen). So gab es u.a. in Freital eine mehrsprachig und kultursensibel angelegte Schulungsreihe zum Thema Demenz für pflegende Angehörige mit Migrationshintergrund sowie das Projekt „Gedächtnisschule“ (in Anlehnung an die Initiative des Demenz-Servicezentrums für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Nordrheinwestfalen) für russisch sprechende Senior*innen. 2017 erschien schließlich die erste Auflage eines mehrsprachig angelegten Pflegewegweisers für die Große Kreisstadt Freital und deren Umgebung. Demnächst erscheint die zweite Auflage des Wegweisers. Er bietet erstmals auch der einheimischen Bevölkerung Freitals gebündelte Informationen zum Thema Pflege und er kann durch seinen mehrsprachigen integrativen Charakter in seiner Grundstruktur ein Modell für andere sächsische Kommunen sein. Dies wird auch einer der ersten Schritte von „DeMigranz“ in Sachsen sein.

Das bisherige Engagement des DSM sorgt dafür, dass sich Sachsen trotz der kürzeren Zuwanderungsgeschichte im Hinblick auf das Engagement für pflegebedürftige Menschen mit Migrationshintergrund keinesfalls hinter den „älteren“ Bundesländern verstecken muss. Offensichtlich wurde im Rahmen der gestrigen Diskussionen auch, dass die Informations- und Versorgungslage von Demenzerkrankten und ihren Angehörigen (nicht nur in Sachsen) grundsätzlich verbessert werden muss, unabhängig vom Vorhandensein eines Migrationshintergrundes der Betroffenen. Da der Freistaat Sachsen keine Pflegestützpunkte etabliert hat, nur zwei Demenzservice- oder Demenzkompetenz-Zentren in Sachsen (in Neustadt/Sachsen und Bautzen) existieren, und da die Pflegeberatung primär über die nicht unabhängigen Pflegekassen sowie eine deutschsprachige Online-Datenbank erfolgt, gibt es zum Thema Pflege und Demenz noch viel Informationsbedarf für Menschen ohne und mit Migrationshintergrund. Auch die Fokussierung auf das Internet bei der Informationsvermittlung kann für ältere Menschen mit Migrationshintergrund eine große Hürde darstellen. Initiativen wie Schulungen und Pflegewegweiser des DSM tragen dazu bei, diese Lücken an unabhängigen deutsch- und fremdsprachigen Informationen zu schließen. Zudem ergibt sich aus den jüngsten Fluchtmigrationen seit 2015 auch langfristig ein Bedarf an weiteren zielgruppenspezifischen Angeboten, jenseits der russischsprachigen und vietnamesischen Communities, die bisher im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, wenn es um ältere Menschen mit Migrationshintergrund in Sachsen geht.

Die Akteur*innen des DSM freuen sich sehr über die Aufnahme Sachsens als Modellstandort im Rahmen der neuen bundesweiten Initiative „DeMigranz“. Diese Anerkennung und Förderung wird eine Unterstützung dafür sein, dass die Situation pflegebedürftiger bzw. an Demenz erkrankter Menschen mit Migrationshintergrund (und auch Einheimischer) verbessert wird. Als grundlegende Orientierung der Arbeit des Dachverbandes mit älteren Menschen dient die Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen, die Maßstab für alle in das Thema Pflege involvierten Akteure darstellen sollte.